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Wann?

Ich sagte ihr sie sei sexy- sie fragte „Wann?“, ich fragte sie liebst du mich?- sie sagte „Wann?“ Jedes mal wenn ich zu ihr sprach sagte sie „Wann?“. Es gab sogar Momente in denen ich sie nur an sah und ihre Augen fragten „Wann?“, Ich fragte „Was?“- und sie nur „Wann?“, Manchmal ergab es ja durchaus Sinn, wenn ich sie beispielsweise fragte: „Rufst du mich an?“ Und sie fragte mich „Wann?“. In anderen Situationen verwirrte es mich eher. Ich fragte nach Klopapier und sie fragte „Wann?“. Ich machte sie darauf aufmerksam das Rauch aus ihrem Bad drang, anstatt der Uhrsache auf den Grund zugehen, feilte sie ihre Nägel und frage „Wann?“. Seither habe ich eine grundsätzliche Abneigung gegen dieses Wort entwickelt es macht mich geradewegs aggressiv. Es ist ein langsamer Prozess: mein linkes Auge beginnt in immer kürzer werdenden Abständen an zu zucken, mein Gesicht läuft rot an und ich beginne kurz bevor ich platze an zu schreien. Um mich davon abzuhalten den der es wagte in meiner Gegenwart das Wort „Wann?“ in den Mund zunehmen , geknebelt in meine „Wann“-Kiste (Riet mir mein ehemaliger Therapeut- er wahr schwach, ich wahr schwach, das Wort „Wann“ fiel und er landete drin.) zustopfen, benötigt es ein „Wann?“ aus Ihrem Munde. Warum ich seit 20 Jahren mit Ihr verheiratet bin?-“Wann?“

Ein Riss im Vorhang

Sie blickt durch einen Riss im Vorhang. Leicht wie die Melodie eines Gänseblümchens tippelt sie über ein Seil, angebracht in schwindliger Höhe, in die Manege. Ihre Zehen strecken sich und sie springt mit geschlossenen Augen, begleitet von einem weit ausgespannten gelb gepunktetem Schirm, das Publikum raunt, hält den Atem an doch sie lacht nur und schwingt sich aufs Trapez. Fliegt mit einem Triangel erzeugtem Trommelwirbel aus dem Scheinwerferlicht durch einen Riss im Vorhang.

Seicht streicht der salzige Duft der See um ihre Nase.
Ihr gepunktetes Kleid wurde von einer Windböe ergriffen und liegt nun weit hinter ihr.
Nur noch mit einem Höschen bekleidet (den Rest hatte sie schon im Laufe des Abends verloren..) steht sie, ihr Haar weit von sich weg wehend, einige Schritte, von denen sich ständig bewegenden Wellen, entfernt.
Sie hatte nicht gezögert war einfach losgerannt, ohne hast, aber nicht Zielloß.
Und jetzt stand sie da einfach nur da, ohne sich umzudrehen. Nahm sie alles tief in sich auf, dieser eine Moment gehörte nur ihr. Bald würden sie kommen und ihn ihr zerstören.
Sie mit Fragen, auf die sie keine Antwort wusste oder wollte, löchern und sie nicht mehr aus den Augen lassen.
Sie würden sagen sie machen sich Sorgen, Sorgen um sie, doch das einzige was sie besorgte wahr die Angst vor der Zerstörung ihres ach so, perfekten und geregelten Alltages.
Sollte sie es ihnen leicht machen? Einfach einen Fuß vorsetzen oder warten bis die Flut käme?
Einfach über Nacht verschwinden, so wie Lilly. Sie hatte es ihnen einfach gemacht. Schon nach einem halben Jahr waren die Ermittlungen eingestellt worden, ihr Zimmer gestrichen und neu möbliert, eine Studentin aus New- England wahr zur Untermiete eingezogen, Lillys Sachen verschwanden alle in großen Kartons an einen bis heute unbekannten Ort, neue Familienfotos wurden eingerahmt und an die Stelle der alten gestellt. Sie existierte nicht mehr. Sie hatten sie ausgelöscht und bis zum heutigen Tage war ihr Name nie wieder gefallen.

Marylebone Road 27

Es roch nach Kleber, nach Kleber und Weißwein. Schlecht wurde ihr nicht aber die Kombination brachte sie dazu ihren Bruder anzurufen und ihn auf einen Kaffe einzuladen, er freute sich durch aus, wenn es sich auch inhaltlich bei ihrem Gespräch, wenn man es denn Gespräch nennen darf, nur um eines handelte: „Wie ginge es dem Hasen?- gut“. Demnach zu urteilen hätte man davon ausgehen können das es sich hier um ein schnell endendes Gespräch handelte, aber nein, sie waren es nicht müde zu erfahren wie es dem Hasen ginge und so dauerte es bis in die frühen Morgenstunden . Wer sich letztendlich verabschiedete und sie von den Qualen des wunderbaren Gespräches löste, ist nicht mehr ganz so klar heraus zu filtern, an dieser Stelle aber auch weitaus unwichtig. Tatsache war jedenfalls das sie es geschaft hatten und sich nun wieder für einige Zeiten nicht sehen brauchten, ein Wiedersehn mit dem Bruder, welcher 4 Häuser weiter hauste, konnte also gestrichen werden. Jeder der genau gelauscht hatte, hätte nach den ersten 5 Minuten merken müssen das beide keinerlei Ahnung von Hasen haben. So wäre auch jedem der nur annähernd etwas von geschwisterlichen Gemeinsamkeiten verstand, sofort aufgefallen das sie sich weder äußerlich noch sonst irgendwie ähnlich waren, geschweige denn nahe standen. Mal abgesehen von einem jedem, welcher durchaus im Bankraub nicht Neuling war, hätte es jeden andern nur stutzig gemacht aber nicht unbedingt zum weiterlauschen und nachfanden an geheizt. Warum? Nun ja die Antwort steht Donnerstag 7.15 Uhr, schwarz Maskiert an der Marylebone Road 27 vor uns.

Dort sitzt sie, blutend…

…vor ihrem erneut aufgehäuften Scherbenhaufen, wieso hatte sie ihn nicht tief in der Schublade gelassen anstatt ihn wieder heraus zu kramen? Sie schließt ihre Augen und sieht nichts mehr, verschwindet in eine heile, perfekte, rosa-rote Welt. Keiner ist anwesend um ihr ihre Illusionen zu nehmen, keiner ist da um sie aufzuwecken, ihr erneut Scherben aufzuhäufen, nur ist auch keiner da der ihr einen Besen hinhält. Doch das interessiert sie nicht, nicht jetzt, jetzt ist sie dort an einem Ort ohne Scherben, ohne Verstecken, ohne Vergangenheit, auch ohne Zukunft aber mit Gegengenwart….